Kampf gegen die

Unterwasserjagd

Barsch und Jäger

Der folgende Text ist in leicht veränderter Form auch in der
Frankfurter Rundschau vom 18.3.95 erschienen.

Spaß am Töten

Die Unterwasserjagd mit der Harpune hat am Mittelmeer fatale Folgen.

Dennis Merbach

Ein Tauchgang

Das Wasser ist klar. Sonnenstrahlen und Wellen zeichnen ein flimmerndes Muster auf den Sandboden unter mir. Eine Meerbarbe wühlt im Sand und schreckt dabei einen Eidechsenfisch auf. Fast eine Stunde sind wir schon mit Tauchausrüstung und Fotoapparat unterwegs, um den Flughahn zu suchen, einen der schönsten Fische des Mittelmeeres. Man bekommt sie nicht oft zu Gesicht, hier in der Bucht gibt es nur einige wenige. Werden wir Glück haben? Doch so viele interessante Fotomotive wir auch entdecken, der Flughahn bleibt unauffindbar. Ein Blick auf die Instrumente zeigt, daß meine Preßluftflasche fast leer ist, und wir müssen die Suche aufgeben. Gemächlich schwimmen wir zum Ufer zurück. Keine hundert Meter vom Badestrand entfernt sehen wir einen jungen Zackenbarsch, der sich vor uns unter einem Felsen versteckt. Auf über einen Meter könnte er einmal heranwachsen, doch hier hat er keine Chance, erwachsen zu werden.

Zurück am Strand entdecken wir den lang gesuchten Flughahn. Er zappelt im trockenen Sand, durchbohrt von einer Harpune. Der Schütze war ein Kind, keine 15 Jahre alt. Die tödliche Waffe, die durchaus in der Lage ist, auch einen Menschen zu durchbohren, hat er von seinen Eltern. Sie haben sie ihm zum Spielen gegeben. Fische zu harpunieren sei doch kein Töten, erwidern sie, als wir sie zur Rede stellen, und der Fisch sei für die Katze bestimmt. Die anderen Badegäste schauen teilnahmslos zu, niemand sagt etwas.

Harpune
Kein Spielzeug für Hobbyjäger, sondern auch für Menschen tödlich: eine moderne Harpune

 

Business as usual?

Szenen wie diese spielen sich hier in dieser Bucht auf Ibiza und anderswo am Mittelmeer immer wieder ab. Die Mahner sind wenige, Gisi und Rainer, die Tauchlehrer, und ihre Gäste stehen hier fast alleine. Die meisten Einheimischen interessiert es nicht, daß die Fische immer weniger werden, solange sie nur genügend davon im Netz haben. Im Gegenteil, sie beteiligen sich selber an der erbarmungslosen Wilderei. Am Vortag hat Rainer an der vorgelagerten Insel, der Isla Murada, einen Wilderer erwischt, der drei Zackenbarsche getötet hatte, jeder etwa einen Meter lang und über zehn Jahre alt. Viele von diesen beeindruckenden Großfischen gibt es nicht mehr. Der Schütze hat mit dem illegalen Verkauf der gewilderten Fische ungefähr tausend Mark verdient, doch die Polizei interessiert sich trotz eindeutiger Gesetze nicht dafür.

 

Alte Helden

Alte Pioniere

moderne Machos

Moderne Machos

Die Unterwasserjagd mit der Harpune ist in Spanien, wie überall am europäischen Mittelmeer und am Atlantik, erlaubt (Verbote bestehen in Deutschland und den Niederlanden). Zwar gibt es Regeln wie Genehmigungspflicht, Altersgrenzen, Höchstmengen, Mindestdistanzen zum Strand etc., doch die Ordnungshüter drücken beide Augen zu. Etwa vierzig Harpuniergenehmigungen gibt es hier auf Ibiza, doch mehr als sechsmal so viele Unterwasserjäger haben Gisi und Rainer allein in ihrem Tauchgebiet in einer Saison gezählt.
Die Freizeitkiller befinden sich in bester Gesellschaft. Ihre Waffen, die in Deutschland unter das Waffengesetz fallen, werden in örtlichen Supermärkten verkauft. Die Hersteller sind renommierte Firmen, zu deren Kunden Sporttaucher in aller Welt gehören.

 

In bester Gesellschaft

Selbst die CMAS, die Confederation Mondiale des Activites Subaquatiques, billigt die zerstörerische Jagd nicht nur, sie unterstützt sogar Wettbewerbe in dieser zweifelhaften Kunst (der VDST - Verband Deutscher Sporttaucher - ist Mitglied der CMAS). In Werbeschriften zu solchen zweifelhaften "Meisterschaften" rühmen sich die Unterwasserjäger, als wahre Männer schutzlos den Urgewalten der Natur zu trotzen, um die feindliche Kreatur zu besiegen... Machismo pur, nichts könnte heutzutage, im Zeitalter des Massen-Tauchsports, grotesker wirken. Lächerlich? Nein, es ist nichts weniger als das, wenn an nur einem Wettbewerbstag fast eine Tonne standorttreuer Großfische aus dem Wasser gezogen wird. Es dauert Jahre, bis eine Region sich von einer solchen Veranstaltung erholt hat.

 

Wie bei Vogeljagd und Stierkampf wiegt das vermeintliche Recht auf Jagd und Selbstdarstellung rund um das Mittelmeer schwerer als der Schutz des Lebendigen. Aber es sind nicht nur die Einheimischen, die so ihre eigene Natur und die Lebensgrundlage der traditionellen Küstenfischerei zerstören. Ein großer Teil der Wilderer sind Touristen, auch Deutsche, die glauben, im Urlaub keine Gesetze beachten zu müssen und den Verstand zu Hause lassen zu können. Die Natur ihrer Gastländer begreifen sie als Selbstbedienungsladen.
Die Folgen sind auch hier um Ibiza längst sichtbar. Die Großfischbestände schwinden zusehends. Nur in großen Tiefen finden sich noch ausgewachsene Zackenbarsche. Meeraale und Muränen werden immer seltener. Was die traditionelle Fischerei in Jahrhunderten nicht vermochte, schaffen "Sportfischer" in wenigen Jahrzehnten. Ihre liebsten Beutetiere sind vielerorts längst ausgerottet. In Italien wurde ich Zeuge der Jagd auf Fischchen, die noch keine zehn Zentimeter groß waren. In Südfrankreich ist längst alles weggeschossen, was wohlschmeckend ist. Beim Schnorcheln sieht man dort kaum noch Fische - ein trauriges Szenario.
Im Gegensatz zur traditionellen Fischerei bedroht die Unterwasserjagd selektiv die reviertreuen Fische entlang eines schmalen Küstenstreifens. Sie haben keine so großen Rückzugsgebiete wie die Tiere des offenen Wassers und des Sandbodens, welche die Fischer in ihren Netzen fangen. Die Lebensräume der großen Barsche und vieler anderer Arten sind begrenzt, und so sind sie durch unbedachte Jagd schnell ausgerottet.

Die Opfer
Die Opfer, zum Beispiel Zackenbarsch, Spitzbrasse, Bastardmakrele, Drachenkopf, Meeraal, Muräne oder Meerrabe haben gegen geschickte Jäger keine Chance

 

Bedrohte Riesen

Besonders deutlich zeigt sich das Problem beim Zackenbarsch: nicht nur, daß sie fünf oder mehr Jahre brauchen, bis sie bei einer Länge von 40 cm geschlechtsreif werden, auch ihre Fortpflanzungsbiologie macht sie besonders anfällig. Zackenbarsche sind nämlich protogyne Zwitter. Das bedeutet, daß ein junges Tier erst Weibchen ist, bevor es sich in höherem Alter zum Männchen umwandelt. Bei den Barschen findet der Geschlechtswechsel erst statt, wenn sie über 12 Jahre als und etwa 80 cm lang geworden sind. Doch das schafft im Mittelmeer heute kaum noch ein Zackenbarsch, und ohne Männchen ist an den Fortbestand der Art nicht zu denken.

 

Lebendig am schönsten: Zackenbarsche können fast eineinhalb Meter lang werden

Vielerorts sind diese beeindruckenden Fische so längst verschwunden, und selbst bei einem sofortigen Verbot wird es Jahrzehnte dauern, bis die leergefischten Gebiete wieder von Großfischen besiedelt sind. Was bis dahin geschehen wird, läßt sich leicht absehen: Ohne ihre Freßfeinde vermehren sich die Beutetiere der Räuber, die Artenzusammensetzung verändert sich, das uralte ökologische Gleichgewicht, im Mittelmeer ohnehin belasteter als anderswo, gerät noch weiter aus den Fugen. Die Schutzbehauptung mancher Unterwasserjäger, sich wie der Jäger in unseren Wäldern als Heger und Regulator der Wildbestände zu betätigen, offenbart hier ihre volle Absurdität. Es wird nicht gehegt, es wird rücksichtslos ausgerottet.
Gisi und Rainer versuchen zu verhindern, daß die Fauna von Ibiza dasselbe Schicksal erleidet. Doch ihre Bestrebungen, wenigstens die Isla Murada unter Naturschutz stellen zu lassen, scheitern bisher an der Trägheit und dem Desinteresse der Behörden. Erst als Rainer eigenmächtig Verbotsschilder aufstellte, reagierten die Ordnungshüter und entfernten sie umgehend.

 

Ein aussichtsloser Kampf?

Gisi und Rainer versuchen zu verhindern, daß die Fauna von Ibiza dasselbe Schicksal erleidet. Doch ihre Bestrebungen, wenigstens die Isla Murada unter Naturschutz stellen zu lassen, scheitern bisher an der Trägheit und dem Desinteresse der Behörden. Erst als Rainer eigenmächtig Verbotsschilder aufstellte, reagierten die Ordnungshüter und entfernten sie umgehend.  

NO!  

Vertriebene Wilderer wehren sich auf ihre Weise. Sie werfen nicht nur mit Steinen, die manche schon vorsorglich mitnehmen, wenn sie an der Isla Murada "jagen" wollen. Auch Rainers Boot wurde schon nachts losgebunden, Zucker in den Tank gestreut und Leitungen zerschnitten.

 

Harpune Verständlich, daß die beiden manchmal dem Aufgeben nahe sind. Doch dann kommt wieder einmal ein Harpunieri an der Tauchbasis vorbei, stolz mit dem am Badestrand geschossenen Octopus protzend. Der Schütze hat Vollpension gebucht, was will er eigentlich mit dem Tier? Daß diese Tintenfische zur Zeit ihre Gelege bewachen, ist ihm neu. Er geht weiter. Seine Harpune ragt weit aus der lässig umgehängten Strandtasche, in Kinderaugenhöhe. Achtlos rammt er sie fast Rainer in den Bauch, nimmt sie dann auf die andere Seite und stößt sie beinahe mir in den Magen. Harpune Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis hier einmal ein Unfall passieren wird. Bis dahin werden die vermeintlich heldenhaften Jäger - die doch nur armselige Freizeitkiller sind - weiter mit der Waffe in der Hand am Badestrand stolzieren, anstatt sich zu schämen. Und ahnungslose Urlauber werden sie weiter bewundern, statt sie zu verjagen. Uns wird wieder einmal klar, daß wir nicht kapitulieren dürfen.

 

Wehren können wir uns alle. Wir können unsere Meinung kundtun, lautstark und bestimmt, wenn wieder ein Möchtegern-Held zwischen unseren Kindern mit seiner Harpune prahlt. Wir können unsere Souvenirs anderswo kaufen, wenn der Andenkenshop mit Waffen handelt. Wir können uns beschweren, bei Konsulaten, Fremdenverkehrszentralen und der örtlichen Verwaltung. Als zahlende Gäste haben wir Macht, mehr Macht als eine Handvoll Wilderer!

 
Meeraal
 

Manche sagen, für das Mittelmeer sei es ohnehin zu spät. Das mag stimmen, wenn in den Anrainerstaaten nicht bald ein Umdenkprozess einsetzt. Ein Harpunierverbot wäre ein Teil davon. Noch ist es zu früh, die Hoffnung aufzugeben, aber die Zeit ist knapp.

 

Werden Sie aktiv!

Sprechen Sie die Harpunieries an, wenn Sie ihnen am Badestrand begegnen, sagen Sie ihnen, daß ihr "Sport" unerwünscht ist.
Schreiben Sie an Konsulate und Fremdenverkehrsämter, was Sie von der Unterwasserjagd halten, und teilen Sie ihnen mit, daß die Wahl Ihres Urlaubsorts auch von den Standards im Tier- und Umweltschutz abhängt. Sind Sie selbst Taucher? Dann wenden Sie sich an Tauchsportartikelhersteller, die noch immer Harpunen in ihrem Programm haben, und setzen Sie sie davon in Kenntnis, daß Sie nicht bei Firmen kaufen, die den Tauchsport in Verruf bringen und eben jene Umwelt zu zerstören helfen, deretwegen Sie diesen Sport ausüben.

Nachtrag vom 8.7.2002

Dieser Text ist inzwischen einige Jahre alt, und leider ist er noch immer aktuell. Wütende Briefe, die ich gelegentlich erhalte, zeigen mir, daß er immerhin gelesen wird.

Gerade eben erhielt ich eine solche Meldung, die mir, auf das Wesentliche gekürzt und in der Rechtschreibung korrigiert, mitteilte: "es soll Leute geben, die sogar Fisch essen!"

Das zeigt vor allem, wie sehr mein Text immer wieder mißverstanden wird. Ich möchte hier festhalten: ich gehöre selbst zu den Fischessern, und am liebsten esse ich Zahnbrassen, eine klassische Beute für Unterwasserjäger. Ich habe nichts gegen das Essen von Meerestieren, und damit nichts gegen das Töten von Meerestieren, so lange die Methode moralisch und ökologisch vetretbar ist. Meine moralischen Maßstäbe lasse ich hier außen vor, sie haben nichts mit der Sache zu tun. Mir geht es hier ausschließlich um die ökologischen Folgen.

Vielleicht war es naiv anzunehmen, daß es aus meinem obigen Text klar hervorginge: ich habe auch nichts gegen die Jagd mit der Harpune an sich. Im Prinzip ist sie humaner als die Jagd mit der Angel, sie zerstört weniger als die Jagd mit dem Schleppnetz. Aber sie wird zum Problem, sobald zu viele Jäger sie ausüben. Ihre Selektivität ist dann eine Gefahr für das Ökosystem. Auf einer einsamen Insel ist ein Harpunieri keine Gefahr, fünfe auch nicht, aber ein paar Dutzend stören das Ökosystem stärker, als Angeln und Stellnetze es vermögen. Deshalb stelle ich mich gegen die Jagd mit der Harpune im Mittelmeer und anderen entsprechend stark belasteten Gewässern.

Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, einige Punkte des obigen Artikels außen vor zu lassen. Trotzdem gehören sie dazu, denn aus der Jagd ergibt sich die Art des Umgangs mit Jagdwaffen. Wer käme auf die Idee, Kinder mit der Flinte in den Wald zu schicken, weil das Hasenjagen ein netter Sport ist und zwischen den Spaziergängern immer noch ein paar herumlaufen? Und die Harpune am Badestrand? Ihre Reichweite ist geringer als die eines Jagdgewehrs, die Durchschlagskraft dabegen um so brutaler. Ich gebe zu, das gehört nicht in den Bereich der Ökologie, aber es regt mich immer wieder auf.

Ich möchte mich nicht mit "deutscher Arroganz" (noch ein sinngemäßes Zitat aus einem anderen Leserbrief) gegen gewachsene Strukturen anderer Kulturen stellen. Ich möchte auch niemandem den Spaß verderben, niemandem die Nahrungsquelle streitig machen. Mein Interesse ist nur, die Vielfalt des Lebens zu erhalten, damit auch nachfolgende Generationen Zackenbarsche, Meeraale und andere Arten kennenlernen können, sie fangen, essen, und, bei besonnenem Einsatz, vielleicht sogar mit der Harpune jagen können.

Dennis Merbach

 


Marlis & Dennis Merbach
dennis@merbach.net

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